Auf den Spuren von Agostino Steffani, Antonio Sartorio und Antonio Lotti – Konzert in CASTELFRANCO VENETO
Conservatorio di Musica "Agostino Steffani” | Castelfranco Veneto
Capella St. Crucis in Italien
Die Jahre zwischen 1665 und 1714 – dem Todesjahr der Kurfürstin Sophie, in dem ihr Sohn, Kurfürst Georg Ludwig, als Georg I. den englischen Thron bestieg – dürfen mit Recht als kulturelles und musikalisches Goldenes Zeitalter Hannovers gelten. In diesen Jahrzehnten entwickelte sich die Stadt zu einem bedeutenden Treffpunkt europäischer Kunsttraditionen, insbesondere der italienischen und der deutschen.
Unter dem katholischen Herzog Johann Friedrich (Regierungszeit 1665–1679) pflegte die Hofkapelle im Leineschloss die herausragende Kirchenmusik Italiens. Der venezianische Komponist Antonio Sartorio (1630–1681), der als Kapellmeister am hannoverschen Hof wirkte, bevor er später Vizekapellmeister an San Marco in Venedig wurde, lieferte sowohl Musik als auch Musiker aus Italien. Die Quellen bezeugen ein Repertoire von außergewöhnlicher Qualität und die hohen künstlerischen Ansprüche des hannoverschen Hofes.
Mit dem Regierungsantritt des protestantischen Herzogs Ernst August im Jahr 1680 (später Kurfürst, gest. 1698) wandelte sich das höfische Musikleben und orientierte sich zunehmend am eleganten französischen Stil nach dem Vorbild des Hofes Ludwigs XIV. Dennoch brach das Musikleben Hannovers seine italienischen Verbindungen keineswegs ab. Im Gegenteil: Gerade in diesem Spannungsfeld trat eine der faszinierendsten Musikerpersönlichkeiten des späten 17. Jahrhunderts hervor – Agostino Steffani (1654–1728).
Im Veneto geboren und in der italienischen Tradition ausgebildet, wurde Steffani zu einer zentralen künstlerischen Persönlichkeit am hannoverschen Hof. Seine Bedeutung reichte jedoch weit über die eines Komponisten hinaus: Er wirkte auch als bedeutender Diplomat, vermittelte zwischen Kaiser und Papst, und wurde zum Bischof ("Apostolischer Vikar des Nordens“) ernannt. Kaum eine Gestalt verkörpert den internationalen Charakter der Barockkultur überzeugender. Steffani verband die Ausdruckstiefe der italienischen Kirchenmusik mit der Raffinesse und strukturellen Klarheit des französischen Stils. Diese Synthese erwies sich als historisch wegweisend: Sie prägte die musikalische Sprache, die sich in ganz Europa verbreitete und schließlich in den Werken Johann Sebastian Bachs (1685-1750) ihre Vollendung fand.
Die enge Verbindung zwischen Hannover und Italien wurde durch die häufige Anwesenheit von Mitgliedern des Welfenhauses in Venedig gestärkt, wo zahlreiche Künstler und Musiker Kontakte zum Hof pflegten. Ein Beispiel dafür ist die Familie Lotti: Matteo Lotti war bis 1679 als Hofmusiker in Hannover tätig, während sein Sohn Antonio Lotti (1667–1740) später zu den bedeutendsten Komponisten Venedigs zählen sollte. Sein berühmtes achtstimmiges Crucifixus gilt bis heute als eines der eindrucksvollsten Werke der venezianischen Kirchenmusik.
Das von der Capella St. Crucis Hannover gestaltete Programm folgt diesen historischen Verbindungen zwischen Hannover und Italien und entfaltet eine sorgfältig konzipierte musikalische Dramaturgie:
Johann Sebastian Bachs Motette Jesu, meine Freude steht dabei ebenso für die Verdichtung und Weiterentwicklung europäischer Stile wie die Werke seiner Vorgänger. Antonio Sartorios De profundis und Antonio Lottis achtstimmiges Crucifixus veranschaulichen exemplarisch die Ausdruckskraft und klangliche Vielfalt der venezianischen Kirchenmusik, die das Musikleben in Hannover nachhaltig geprägt hat. Einen besonderen Schwerpunkt bilden Kompositionen von Agostino Steffani, dessen Schaffen eine zentrale Schnittstelle zwischen italienischer und französischer Stilistik darstellt. Seine doppelchörige Motette Triduanas zeigt eine differenzierte Textausdeutung und klangliche Feinzeichnung, während das späte Stabat Mater (1727) – für sechs Solostimmen, Chor, Streicher und Basso continuo – die Verbindung von expressiver Dichte und formaler Klarheit eindrucksvoll bündelt.
Ergänzt wird das Programm durch italienische Madrigale von Heinrich Schütz (1585-1672), die dessen intensive Auseinandersetzung mit der italienischen Musiktradition dokumentieren, sowie durch ein italienisches Madrigal des hannoverschen Komponisten Alfred Koerppen (1926-2022), das die historische Perspektive bis in die Gegenwart fortführt.
So entsteht ein Panorama musikalischer Verflechtungen zwischen Hannover und Italien, in dem sich stilistische Entwicklungen, persönliche Netzwerke und ästhetische Einflüsse über mehrere Jahrhunderte hinweg miteinander verbinden.
Ausführende:
Capella St. Crucis, Hannover
Chor und Instrumentalisten des Conservatorio Agostino Steffani
Leitung:
Florian Lohmann
Maria Ravvina
Gefördert durch das Goethe-Institut und Hannover City of Music

Repertoire:
Bach, Johann Sebastian:
Jesu, meine Freude, BWV 227
Koerppen, Alfred:
Rosso e Azzurro
Lassus, Orlando:
Beatus homo cui donatum est
Lotti, Antonio:
Crucifixus a 10; Crucifixus a 8
Sartorio, Antonio:
De profundis; Levavi oculos meos
Schütz, Heinrich:
O dolcezze amarissime; O Primavera
Steffani, Agostino:
Beatus vir; Stabat Mater; Triduanas a Domino
Veranstaltungsort
Conservatorio di Musica "Agostino Steffani”Via Giuseppe Garibaldi, 25 - 31033 Castelfranco Veneto
Webseite | Google Maps


